Sonntag, 01.11.2026 23:01 Uhr

Münchner Medientage - zum 40ten Male

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 01.11.2026, 17:31 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 324x gelesen
Einige Motti der vergangenen Jahrzehnte. Ab 2017 nehmen die Anglizismen überhand
Einige Motti der vergangenen Jahrzehnte. Ab 2017 nehmen die Anglizismen überhand  Bild: Gerhard Bachleitner

München [ENA] Die Münchner Medientage gehen ins 40te Jahr, und wer von Anfang dabei war, wird sich über den enormen technischen und wirtschaftlichen Wandel innerhalb der eigenen Lebenszeit wundern. Mitte der 80er Jahre gab es weder digitales Fernsehen, noch Internet, noch Navis, noch Smartphones.

Mit dem gerade eingeführten kommerziellen Fernsehen war eine neue Frontlinie entstanden, die von den bisherigen Monopolisten und der Politik adressiert wurde. Dies spielte sich praktischerweise noch im nationalen Rahmen ab, also gewissermaßen in der eigenen Wohnung. Heute dagegen zielt die KI-Artillerie aus dem fernen Kalifornien mühelos ins deutsche Wohnzimmer, und siehe da: kein Stein bleibt auf dem anderen. "Eine rasant wachsende KI-Infrastruktur trifft auf das Diktat der Plattform-Algorithmen." So die hierzulande gängige Lesart.

Nun ja: so funktioniert Disruption, was nur ein etwas martialischer Ausdruck für Innovation ist. Ein neues Verfahren oder Handlungsprinzip, eine neue Kulturtechnik wird erfunden und verschiebt die bisherige Konstellation. So endete nach der Einführung des Schießpulvers die Ritterzeit. Schon die sog. Sozialen Medien führen seit Jahren die Berechenbarkeit des Menschen vor. Mit der KI werden zahlreiche weitere Erscheinungsformen menschlichen Handelns berechenbar und machen eine aufgeklärte Anthropologie nötig, die sich aber nicht an die Idyllen der Vergangenheit klammern sollte.

Eine schleichende Disruption der traditionellen Medienwelt kleidete eine Diskussionsrunde in die schicksalsergebene Feststellung: "Ist YouTube noch zu stoppen?" Tatsächlich zeigen die Zahlen die Gewichtsverlagerung unübersehbar. Auf YouTube werden pro Minute über 500 Stunden in etwa 2000 Videos hochgeladen, (pro Stunde 30.000 h Videomaterial, in über 100.000 Stück.). Mitsamt den übrigen amerikanischen Streaming-Anbietern hat sich hier eine Phalanx nonlinearen, meist kostenpflichtigen Bewegtbildrepertoires aufgebaut, während der erste hiesige Pay-TV-Sender Sky gerade in Frieden heimgegangen ist und bei RTL ein schönes Begräbnis bekommt.

Streaming ist eine Distribution herkömmlich erstellter Inhalte nach Kundenwunsch. Doch wenn ohnehin schon ein personalisierter Bezug zum Kunden vorhanden ist, kann man diesen auch gleich direkt bearbeiten. Das führt zur Einsicht: wer braucht Medien, wenn Code effizienter ist? Das Ergebnis sind die Algorithmen der 'Sozialen Medien', die Bewegtbild nutzergesteuert ausspielen - oder sagen wir besser: nutzerbezogen, denn eine Nutzersteuerung ist oft nicht möglich. Nun befinden die Hüter der gesellschaftlichen Ordnung dies als Manipulation oder zumindest Vielfaltseinschränkung, etwa nach dem Dreischritt "Feed.-Vielfalt-Wüste".

Im Panel mit dieser Überschrift sah sich Melanie Ohnemus-Springmann von TikTok zur Verteidigung genötigt: „TikToks Für-Dich-Feed basiert auf den individuellen Interessen der Nutzer*innen. Wir freuen uns, dass lokale, nationale und internationale Medienhäuser auf TikTok bereits erfolgreich Communities aufgebaut und Nutzer*innen einen n iedrigschwelligen Zugang zu Nachrichten ermöglicht haben."

Tatsächlich muß immer bewußt bleiben, daß hier individuelle freiwillige Nutzung oft kostenloser Dienste stattfindet, die man, jenseits von Suchtthematik und Jugendschutz, zu respektieren hat - auch wenn einem 'die ganze Richtung nicht paßt'. Traditionelle Medien können sich auf keine Ewigkeitsgarantie berufen, ebensowenig andere Institutionen. Auch das Recht muß lernen: 'Code is law', Und mit der allgegenwärtigen KI wird Code zur Leitwährung der Zukunft.

KI in der Praxis

Ein repräsentatives und unter Insidern schon länger bekanntes Beispiel ist die Transformation eines visuellen Erbstückes der (amerikanischen) Filmgeschichte, des 'Wizard von Oz', in der neu gebauten riesigen 'Sphere' in Las Vegas. M. Bender von Google stellte diesen Meilenstein der KI-Film- und Videoproduktion vor, bei der die Instrumente Veo und Gemini Omni entwickelt wurden. Eine gewaltige Skalierung der Auflösung und eine Neuinterpretation der Handlung in dem vergrößerten Raum wurden damit möglich.

Er zitierte in diesem Zusammenhang eine Bemerkung des Schauspielers Ben Affleck, eine Selbstverständlichkeit eigentlich seit Melies' Zeiten: daß Film eine Illusionstechnik ist, die ihren Illusionscharakter aber unsichtbar lassen will. Dies bedeutet, daß wir eine unauffällige Einwanderung von KI-Verfahren in die Filmproduktion erleben werden. Im Nonfiktionalen macht sich Google sinnvollerweise für eine Kennzeichnung von KI-Inhalten stark, doch wie die visuelle Sozialisation der jetzt aufwachsenden Generation vor sich gehen und welchen Maßstab sie ausbilden wird, läßt sich jetzt noch nicht sagen.

Eine vergleichbare Frage zur Kennzeichnung(spflicht) stellte sich dem Autor Yves Bellinghausen, der einen amüsant vorgetragenen Selbstversuch zur Hegel'schen Dialektik von Herr und Knecht unternahm. Nachdem er einen Agenten mit seinem Interviewstil und seiner Stimme trainiert hatte, wurde dieser so gut, daß er extra Lob erhielt. "Ich habe mich selbst als KI nachgebaut. Sieht nicht gut aus für mich. Mithilfe meiner Daten habe ich einen KI-Agenten geschaffen. Er ruft für mich im Restaurant an, plaudert mit Kollegen und führt Interviews. Leider: besser als ich."

Das Geschöpf übertrifft seinen Schöpfer. "Ich wurde Assistent meines Assistenten", bemerkte Bellinghausen betrübt und gekränkt. Eine Kennzeichnung der KI mochte erfolgen, oder auch nicht, für die geforderte und erbrachte Leistung spielt dies schon keine Rolle mehr. Man könnte den Spieß aber auch umdrehen: wenn der Assistent nicht mindestens genauso gut wäre, wie man selbst, bräuchte man ihn nicht.

Führungskräfte lernen üblicherweise delegieren und haben nicht den Sachverstand ihrer Untergebenen. Nur die Hierarchie hält die Ungleichheit aufrecht. Auf strategische Überlegenheit wird der Mensch gegenüber einer agentischen KI aber nicht mehr bauen können. Das Problem ist übrigens lange bekannt: die olympischen Götter wurden einst auch neidisch auf die von Prometheus instrumentierten Menschen und sahen sich zur Gegenwehr veranlaßt. Seither brauchen "die Geschöpfe des Prometheus" einen Sündenbock für ihre zivilisatorischen Innovationen.

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